Anne und Kai

anneundkai2003

Anne (Jg. 1964) und Kai (Jg. 1968)
verheiratet, Freiburg

Der Tag der gelben Socken

An einem warmen Frühlingstag 2001 schaut sich Anne ihre mögliche neue Arbeitsstelle an, eine Wohneinrichtung für Körperbehinderte. Und da der diensthabende Zivi wegen Rückenschmerzen fast außer Gefecht gesetzt ist, hilft Anne gleich tatkräftig mit. So lernt sie am Großwaschtag des Bewohners Kai auch dessen kuriosen Wäscheberg kennen. Dieser Tag soll Anne als „Tag der gelben Socken“ in Erinnerung bleiben. Aber auch der Sockenträger hinterlässt einen gewissen Eindruck. Dieser wiederum will nun regelmäßig von den Zivis wissen, ob diese Frau sich denn wohl für die Stelle entschieden habe. Keiner weiß es…

Nach einem Monat: Längere kurze Hausbesuche

Anne gehört nun tatsächlich zum Pflegeteam! Und ihre Einsätze bei Kai umfassen neben Modulen wie „einfacher Hilfe bei Ausscheidungen“ zunehmend auch privat gefärbte Kommunikation mit kontaktförderndem Informationsaustausch. So gerne würde Kai einen noch persönlicheren Kontakt herstellen, aber Anne scheint wohl doch lesbisch zu sein. Ihr geht es umgekehrt nicht anders, dieser Kai ist schon besonders nett aber bestimmt schwul. Ganz banale Nebensätze stellen bald klar, dass diese Befürchtungen völlig grundlos waren.

Ein paar Wochen später: Das Lied

Anne hört zufällig und mit einiger Verwunderung von außen Live-Musik aus Kais Wohnung. Später fragt sie ihn, ob er da selbst gesungen habe. Als Antwort spielt er ihr die gerade fertig gestellte Aufnahme seines neuesten Liedes vor, und Anne fragt spontan, ob sie nicht mal kommen dürfe, um noch mehr Lieder anzuhören. Na endlich passiert was!

Bald darauf: Musik und andere Vibrationen

Wie verabredet spielt Kai Anne abends einige seiner Lieder vor, wobei die Konzentration auf beiden Seiten zunehmend von ganz anderen Vibrationen gestört wird. Stunden später meint Anne, es sei nun höchste Zeit zum Heimfahren. Das will Kai nun gar nicht einsehen, und er hält sie so davon ab, dass aus diesem Versuch eines Abschieds der Beginn eines langfristigen Dableibens wird. (Anne fährt dann zwar doch noch zu sich nach Hause, dort wird sie künftig aber nur noch sehr selten sein)

Am nächsten Tag: Der Alte Friedhof

Eine heikle Situation: Kai ist sozusagen geschäftlicher Kunde von Anne und zugleich als Vorstandsmitglied des sie beschäftigenden Vereins auch ein bisschen Vorgesetzter. Wo kann man sich treffen, ohne sofort dem öffentlichen Geschwätz ausgeliefert zu sein? Nach einer schlaflosen Nacht und einem aufgeregten Telefonat treffen sich die beiden auf dem Alten Friedhof. Ein Hemmnis bleibt: Es ziemt sich nicht, auf Friedhofsbänken allzu leidenschaftlich zu werden. Also bekommt Anne gleich Kais Wohnungsschlüssel.

Zehn Tage danach: Entschlüsse

Anne und Kai wollen ab sofort keine Heimlichtuerei mehr, sondern offen zeigen, dass sie ein Paar sind. Und noch etwas: sie wissen, dass sie heiraten werden.

Weitere sechs Monate später: Hochzeit

Anne und Kai heiraten im Trauzimmer des Freiburger Rathauses (und nicht stufenlos im Foyer oder zuhause, wie sonst bei Rollstuhlfahrern in Freiburg üblich). Kai wird von starken Männern über die Schwellen getragen – eine neue Variation der alten Hochzeitstradition 😉

7. Oktober 2003

Nachtrag von Kai: „Seit dem Frühjahr 2011 kann man im Freiburger Rathaus das Trauzimmer und den Ratssaal über einen Aufzug erreichen. Dieser wurde aber nicht etwa für körperbehinderte Bräute oder Bräutigame eingebaut  – nein, deren jahrzehntelange Bemühungen blieben bis zuletzt erfolglos. Der Anlass war die Wahl einer Rollstuhlfahrerin in den Gemeinderat.“