Silke und Dirk

silkeunddirk

Silke (Jg. 1973) und Dirk (Jg. 1972)
zusammenlebend, Unna

An einem Abend im November 2001 fuhr Silke zu Freunden, um nicht wieder allein den Abend vor dem Fernseher zu verbringen. Knapp zwei Monate zuvor hatte sie sich von ihrem Mann getrennt, und ihr Alltag bestand aus den Problemen, die so eine Trennung nun mal mit sich bringt. An diesem Abend traf sie Dirk zum ersten Mal.

Schon beim Hereinkommen nahm sie seinen unsicheren Gang wahr, vermied es jedoch das Gespräch auf dieses Thema zu lenken. Sie unterhielten sich angeregt und stellten nach kurzer Zeit fest, dass sie viele Gemeinsamkeiten besaßen. In den nächsten Wochen und Monaten trafen sie sich immer häufiger, und es bahnte sich eine Freundschaft an.

In dieser Zeit unterhielten sie sich über alle möglichen und unmöglichen Themen. Unter anderem auch über seine Krankheit. Somit war sie bereits bestens aufgeklärt, was es mit Spinaler Muskelatrophie auf sich hat und dass Dirk irgendwann unweigerlich im Rollstuhl landen würde.

Im folgenden Frühjahr trafen sie sich meist in einem Schrebergarten, den Dirk sich mit seiner Mutter teilte. Dort sahen sie sich regelmäßig, entweder zum gemütlichen Beisammensitzen, oder zu diversen Wochenendparties.

An einem Tag im Juli 2002, wieder einmal saßen sie mit Freunden im Garten, Dirk und sie neckten sich gegenseitig, stellte einer seiner Freunde eine zu diesem Zeitpunkt recht interessante Frage: „Warum seit ihr eigentlich nicht zusammen?“ Sie sahen sich an und keiner von beiden hatte eine Antwort darauf. Diese Frage stimmte sie nachdenklich. Allerdings jeden auf seine Weise. Sie sprachen nie gemeinsam darüber.

Ende Juli 2002 organisierte Dirk ein geselliges Beisammensitzen bei seiner Mutter, zu dem Silke natürlich auch eingeladen war. Da sie sich vorher schon über One-Night-Stands und dergleichen unterhalten hatten, stand für beide fest, dass sie sich gerne zusammen amüsieren könnten. Aber eine Beziehung käme nicht in Frage. Silke sprach Dirk auch auf ihre Sorgen bezüglich seiner Krankheit an und sagte ihm in aller Deutlichkeit, dass eine Beziehung deshalb für sie nicht in Frage käme. Hatte Dirk sie bereits in den vergangenen Monaten auch noch so umgarnt und ihr häufig Komplimente gemacht, so stand an diesem Abend fest, dass sie lediglich „Spaß“ miteinander haben wollen. Nach ein paar Stunden küsste Dirk Silke zum ersten Mal. Es kam wie es kommen musste, sie landeten zusammen im Bett. Anschließend verbrachten sie das Wochenende miteinander.

In den folgenden zwei Wochen trafen sie sich fast alle zwei Tage, und in Silkes Kopf überschlugen sich die Gedanken. Sie dachte über das Für und Wider einer Beziehung mit Dirk nach. Das Gefühl sagte ja, der Kopf nein. Als Dirk ihr bereits am darauf folgenden Wochenende seine Liebe gestand, war Silke klar, dass sie sich entscheiden musste. Da Dirk ihr als Mensch sehr wichtig geworden war, stand für Silke fest, dass sie ihn keinesfalls verletzen wollte.

So entschied sie sich für ihre Gefühle und schrieb ihm am 14. August 2002 per SMS, dass sie sich wohl in ihn verliebt hätte. Seitdem sind sie ein Paar, und im November 2002 zog Dirk dann bei Silke ein. Vorher wohnten sie ca. 15 km voneinander entfernt.

Zu dieser Zeit traten allerdings schon die ersten finanziellen Probleme ein. Da Dirk durch die Feststellung seiner Krankheit vor 6 Jahren in die Sozialhilfe abgerutscht war, musste Silke nun mit ihrem Einkommen für beide aufkommen. Als sie dann Ende des Jahres 2002 auch noch ihren Arbeitsplatz verlor, sah es dementsprechend düster aus. Und auch die Tatsache, dass sie beide ziemliche temperamentvolle Menschen sind, machte die Situation nicht gerade einfacher.

Im März 2003 gründeten sie dann ein gemeinsames Unternehmen. Wegen ihres Kinderwunsches beschäftigen sie sich momentan auch mit dem gentechnischen Institut in Dortmund, denn Dirks Krankheit ist genetisch bedingt, und somit erblich. Aber all diese Dinge halten die beiden nicht davon ab, sich zu lieben.

12. Dezember 2003