Susanne und Wolfgang

susanneundwolfgang

Susanne (Jg. 1972) und Wolfgang (Jg. 1965)
zusammen, Zell a.H./ Kehl-Goldscheuer

Wolfgang erzählt:

An einem herrlich sonnigen Augustmittag saß ich mit einem Bekannten beim Italiener in der Offenburger Fußgängerzone und genoss meinen großen Milchkaffee. Im Gespräch vertieft nahm ich Volker und seine Begleiterin erst wahr, als sie am Tisch standen und sich gleich darauf zu uns gesellten.

Zwei Minuten blieben mir, in ein paar der strahlendsten blauen Augen zu blicken, die dieses Universum je gesehen hat. Dann musste ich gehen, was mir sehr leid tat.

Als ich mich am Tag darauf jedoch per E-Mail für mein unhöfliches Scheiden entschuldigen wollte, fragte Susanne mich im Gegenzug, ob ich Probleme mit ihrem Rollstuhl hätte. Na ja, so ganz wollte ich das nicht auf mir sitzen lassen, aber die Gelegenheit zum Gespräch würde sich schon noch ergeben…

Bereits zwei Wochen später bahnte sich eine solche Gelegenheit an. Auf die Baggerseefete eines Freundes waren sowohl Susanne als auch ich eingeladen. Ich weilte schon eine ganze Weile am See und genoss das herrliche Wetter und die netten Menschen, da traf Susanne ein. Als sie endlich einen Moment alleine stand, machte ich mich auf den Weg und … verflixt … traf unterwegs auf einen alten Bekannten, der sich just in diesem Moment entschied, mir seine Probleme und Sorgen mitzuteilen.

Danach konnte ich mich gerade noch im Vorübergehen bei Susanne verabschieden und musste leider wieder gehen.v

… und wieder verging eine ganze Woche oder zwei…

Unerwartet rief Volker an und lud zum Kaffee auf seiner Terrasse ein. Er erklärte mir kurz den Weg und erwähnte, dass auch Susanne kommen würde. Susanne lud er ebenfalls ein und erzählte ihr, dass ich die Fahrtstrecke kennen würde, und sie mich doch anrufen sollte, damit wir zusammen fahren können.

Also fand ich mich ein paar Tage später im Golf neben Susanne wieder. … endlich … doch Susanne fuhr sehr konzentriert, und so kam ein Gespräch nur zögerlich zustande.

Das Kaffeetrinken war zwar unterhaltsam, aber sehr oberflächlich. Etwas unbefriedigt über den Verlauf des Nachmittags machte ich den Vorschlag, in der Offenburger City noch etwas trinken zu gehen, und war erstaunt, dass Susanne den Vorschlag gerne aufgriff.

Endlich mal ein wenig Zeit zum Plauschen und Kennenlernen, und endlich Gelegenheit zu meiner eigenen Rehabilitation. Es war ein anregender Abend, an dem wir viel erzählten und witzelten.

Nach ein paar netten E-Mails besuchte ich Susanne in Zell a.H. In einer Unterhaltung vertieft spazierten wir an diesem lauschigen Sommerabend stundenlang durch Felder und an den Bergen entlang. Bei etwas Cola und Mineralwasser setzten wir daraufhin unsere Unterhaltung auf Susannes Couch bis in den frühen Morgen fort. Danach durfte ich noch 38km halb schlafend nach Hause fahren. Sachen gibt’s!

Tags drauf, es war ein Sonntag, wollte ich nach der Arbeit in Straßburg eine Fotoausstellung von ‚National Geographic‘ ansehen. Susanne fragte per Email, was ich denn vorhätte. Nur all zu gerne schloss sie sich meinem Vorhaben an. Die Ausstellung war phantastisch. Das Treppen-Überwinden, und der wunderschöne Spaziergang durch die Gassen und Straßen von Straßburg ließen mich immer sicherer im Umgang mit Susanne und dem Rolli werden. … und als ich schließlich meinem Wunsch nachkam, Susanne durch die Haare zu streichen, schmiegte sie ihren Kopf in meine Hand, wie eine kleine Katze.

Zwei weitere, zähe Wochen des Wartens waren schnell vergessen, als wir uns dann das erste Mal in den Armen lagen.

Heute, mehr als drei Jahre später hat unsere Beziehung noch immer nichts von der Innigkeit und Faszination verloren, wie ich sie damals empfunden habe.

Ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, mit einem körperlich gehandicapten Menschen zusammenzuleben – und ich würde mich jederzeit wieder für eine Partnerschaft mit Susanne entscheiden. Eine so volle und fruchtbare Beziehung sucht seinesgleichen – die motorische Einschränkung ist dabei nicht wesentlich, ist einfach Bestandteil, wie Wesenszüge oder Gefühle des anderen Menschen.

Bislang unterhalten Susanne und ich je eine eigene Wohnung (ich habe zwei Kinder aus früherer Ehe, die diesen Umstand sehr genießen). Dies kommt unserer Beziehung sehr zugute, da wir beide auch gerne einmal alleine relaxen. Wir verbringen einen Tag unter der Woche und das Wochenende gemeinsam miteinander.

27. Mai 2004