Karin und Ferdinand

evaundthomas

Karin (Jg. 1955) und Ferdinand (Jg. 1956)
zusammen, München

Ferdinand erzählt:
Wenn ich mich als junger Mann in ein nettes Mädchen verliebt hatte, endete dies für mich immer enttäuschend und ich litt schwer darunter. Meist erledigten sich meine zaghaften und ungeschickten Versuche des Anbandelns mit den schrecklichen Worten:

Du bist ja ganz nett, aber…

Eines Tages, nachdem wieder einmal zarte Bande mit diesen Worten zerstört wurden bevor sie eigentlich geknüpft waren, beschloss ich, dies nie wieder hören zu müssen. Ich fand mich damit ab, dass es keine Frau gibt, die einen Menschen wie mich lieben könnte und die ihr Leben mit mir leben möchte. Irgendwie schaffte ich es, keine diesbezüglichen Gefühle mehr zuzulassen und hörte im Laufe der Jahre wirklich auf, darunter zu leiden. Eine Beziehung, Partnerschaft oder Ehe war einfach etwas, auf das ich verzichten musste.

Viele Jahre später – die Mauer, die ich um mein Herz gebaut hatte, war unangreifbar – traf ich sie:

Die Frau, von der ich einst geträumt hatte.

Wir begegneten uns im Internet, dieser phantastischen, imaginären Welt, in der erst einmal alle Menschen gleich, anonym und nur ein meist erfundener Name sind. Und doch gibt es spontane Sympathie oder auch Abneigung gegenüber diesen wesenlosen Menschen in Cyberworld. Wenn ich heute darüber nachdenke, so wackelte der erste Stein meiner Mauer wohl schon bei der Begrüßung, als ich mit dem erfundenen Namen „kleiner frosch“ den Chatraum betrat und eine „onnlein“ mich mit „hallo Fröschlein“ empfing. Wir redeten bzw. schrieben stundenlang, verstanden uns auf Anhieb und waren uns sympathisch. Auch als ich mich als Behinderter zu erkennen gab, änderte sich an ihrer erfrischenden, natürlichen Art, sich mit mir zu unterhalten, nichts. Unsere allabendlichen „Gespräche“ waren für mich bald unentbehrlich und ich ertappte mich immer öfter dabei, dass ich es kaum erwarten konnte, bis „onnlein“ endlich online kam. Als sie allerdings eines Tages so ganz nebenbei erwähnte, wir sollten uns doch auch mal offline treffen, bekam ich panische Angst davor, mich trotz der mühsam aufgebauten Mauer wieder verliebt zu haben, Angst vor einer erneuten Enttäuschung, Angst vor den realen Gefühlen, die bisher immer nur mit Leiden verbunden gewesen waren. Ermutigt durch einen Freund, dem ich daraufhin von der Internet-Bekanntschaft erzählte, ließ ich mich auf ein Treffen ein.

Dieses Treffen ließ meine unverwüstliche Mauer einstürzen wie ein Kartenhaus.

Dem ersten Besuch folgten weitere, wir kamen uns nun auch real immer näher und das Gefühl der Zuneigung, das wir beide schon in der irrealen Welt des Internets gespürt hatten, wurde Wirklichkeit: Wir lieben uns.

Eine Partnerschaft mit einem Menschen wie mir ist, wie man sich sicherlich vorstellen kann, nicht unkompliziert. Ich brauche und bekomme 24 Stunden am Tag Assistenz, was bedeutet, dass 24 Stunden am Tag ein Helfer an meiner Seite ist. Ich bin das gewöhnt, für Karin jedoch war das etwas ganz neues. Sie hatte überhaupt keine Erfahrung mit irgendwelchen Arten von Behinderungen und geriet ausgerechnet an mich, der, was körperliche Behinderungen betrifft, so ziemlich das meiste zu bieten hat. Doch sie war vom ersten Tag an sehr interessiert an allem, was die Helfer mit und an mir machten und beobachtete jeden Vorgang sehr genau. Mir eine Jacke anziehen war die erste Aktion, die sie von sich aus tun wollte. Dem folgten nach und nach alle Dinge wie Zähneputzen, mich vollständig anziehen, in den Rollstuhl heben und so weiter. Sie wollte es schaffen, so sicher im Umgang mit meiner Behinderung zu werden, dass wir ab und zu auch mal alleine, ohne Helfer, sein könnten. Heute sind wir beide ein tolles Team, das alles schafft und können auch längere Zeit in trauter Zweisamkeit verbringen.

Doch leider werden wir wohl nie richtig als Paar zusammenleben. Da sie glücklicherweise gesund und demzufolge auch berufstätig ist, dabei aber kein Vermögen verdient, können wir uns eine gemeinsame Wohnung nicht leisten. Meine Grundsicherung würde gestrichen, wenn sie bei mir einzieht und eventuell würden auch noch einige der 24 Helfer-Stunden gekürzt…

2009