Angelika und Jörg

Angelika und Jörg

Angelika (Jg. 1961) und Jörg (Jg. 1963)
zusammen verheiratet, Hamburg

Angelika erzählt:

Da ich mich aus privaten Gründen seit zwei Jahren mit der Thematik Taubblindheit beschäftige und unendlich viele Fragen dazu hatte, wandte ich mich an einen ehemaligen Lehrer des TBZ in Hannover. Er kam zu einem Gespräch nach Hamburg. Anbei erwähnte er Jörg, der 1999 nach einer schweren Meningitis erblindete und ertaubte. Da ihm wohl meine Art und Weise gefiel, schlug er vor, doch zu versuchen, eine Freundschaft zu Jörg aufzubauen.

Jörg lebte schon längere Zeit bei seiner Mutter und aufgrund seiner Situation auch sehr zurückgezogen. Zuwider waren ihm die Menschen geworden, die aus purer Neugierde versuchten, ihn kennen zu lernen. Er hatte bis dahin eben ein völlig ’normales‘ Leben geführt, sprich Haus, Beziehung, einen harten Job und Motorrad fahren aus Leidenschaft.

Jörg und ich begannen miteinander zu mailen. Seine Worte waren sarkastisch, zynisch und auch verletzend. Aber ich verstand ihn und ließ mich nicht verschrecken, war ich doch nicht so viel anders als er. Man könnte sagen wir sind irgendwie aus dem gleichen Holz geschnitzt.

Einige Wochen später bat ich, ihn besuchen zu dürfen. Er willigte zwar zögernd ein, doch auch er war neugierig gewoden. Auf eine Frau, die es verstand ihm die Stirn zu bieten und sich nicht von seiner Art und Weise einschüchtern zu lassen. Ich verliebte mich noch während des Besuchs bei ihm. Dass er taubblind war, registrierte ich überhaupt nicht. Es war nur eine andere Art der Verständigung, eben durch das Lormen.

Es war der vierte Juli. An diesem Tag gestand ich mir die Liebe zu Jörg ein, egal was kommen würde… Es war der zweite Besuch bei ihm. Es fiel mir sichtlich schwer, mich ihm gegenüber kühl und distanziert zu verhalten. Für dieses Treffen hatten wir ein Essen in einem Fischrestaurant ausgemacht.

Auf dem Rückweg braute sich ein schweres Gewitter zusammen. Am Deich angelangt scheiterten wir fast an einer Treppe, die nicht mit einem Geländer versehen war. Da Jörg starke Gleichgewichtsstörungen hat, befand er sich sozusagen in der Schwebe. Stufe für Stufe und mit sehr viel Überwindung erklomm er die Treppe. Aber oben angekommen strahlte er auf einmal und drückte ganz kurz meine Hand: Er hatte die Treppe überwunden und es geschafft.

In dem Moment fing es erbarmungslos an zu regnen und uns blieb nichts anderes übrig als in einer Telefonzelle Unterschlupf zu finden. Wir verharrten regelrecht voreinander und waren uns unserer Nähe bewusst. Ich schaute ihm in die Augen und hatte das Gefühl, er schaut in mich hinein. Als würden sie sagen: Ich würde dich jetzt gerne küssen. Tu es doch, sagte ich leise, obwohl ich wusste, er hört es nicht. Plötzlich lagen wir uns in den Armen und haben uns innigst geküsst. Ab diesem Moment war eigentlich alles ohne Sprache und Blicke klar… wir wussten: wir hatten uns gefunden und wir gehören zusammen…

Da wir beide knallharte Realisten sind, machten wir uns auch nichts vor. Uns war von Anfang an klar, dass es nicht einfach werden wird. Wir verbrachten eine Probewoche Wohnen und Leben in Dänemark. Im Oktober zog er zu mir und meinen beiden Hunden nach Hamburg… Er hat seinen Seelenfrieden wieder gefunden und er ist mein Hafen, in den ich einlaufen konnte. Wie gesagt: So ein Leben ist sicherlich nicht immer einfach, aber alles ist möglich wenn man will und liebt.

24. Mai 2005

Am 4. August 2006 haben Angelika und Jörg geheiratet.