Merle und Thomas

Hochzeitsfoto von Merle und Thomas

Merle (Jg. 1987) und Thomas (Jg. 1982)
verheiratet, Bohmte

Zwischen Zweisamkeit und Assistenz

Es gibt Tage, die man wohl nie vergessen wird. Zum Beispiel den Tag, wo wir uns nach einem Monat des täglichen Chattens endlich in Münster trafen. Natürlich hatten wir uns vorher ausführlich beschnuppert und sicher gestellt, dass wir wichtige gemeinsame Werte wie einen aktiv gelebten Glauben und eine mehr als tiefe Sympathie füreinander teilen. Deshalb ging es am 18.05.2013 eigentlich „nur“ noch darum, ob der berühmte Funke überspringen würde und ob  Schmetterlingsscharen in unseren Herzen entstünden. Man muss dazu sagen, wir sind zwei sehr kopflastige Menschen (beide studiert). Und wie Ihr bestimmt schon erraten könnt: Es war Liebe auf den ersten Blick!

Wir waren erst was trinken und Thomas wollte mir, Merle, sofort selber die Cola reichen. Mit einer Selbstverständlichkeit, als ob wir uns schon jahrelang kennen, ging er mir bei Allem zur Hand. Im Münsteraner Hafen kamen wir also an diesem Tag zusammen und das war der der bisher bedeutensde Wendepunkt in unserem Leben. Die etwa 260km zwischen unseren damaligen Wohnorten bei Köln und bei Osnabrück machten unsere Beziehung seitdem zu einer Fernbeziehung, was sowohl Vor- als auch Nachteile hatte. Wir konnten uns in der Regel nur jedes zweite Wochenende sehen, hatten durch tägliche Kommunikation via Facebook jedoch auch die Möglichkeit, viele relevante Dinge aneinander kennen lernen zu dürfen.

An dieser Stelle ist es an der Zeit, uns einmal kurz vorzustellen: Thomas wurde 1982 geboren und wohnte seitdem in einem kleinen Dorf 45km entfernt von Köln. Merle wurde 1987 geboren und wohnte zuerst in Papenburg. Als sie aufgrund einer Encephalitis (Hirnstammentzündung) dauerhaft an den Rollstuhl gebunden wurde, ist eine Wohnortveränderung in die Nähe von Osnabrück erfolgt. Durch die Krankheit ist die gesamte Motorik ausgefallen, weshalb Merle größtenteils über einen Sprachcomputer spricht und so die ganze Kommunikation zumindest in der Anfangszeit ziemlich erschwert wurde.

Wir lernten uns im Sommer 2013 also besser kennen und machten auch einen gemeinsamen Urlaub, natürlich mit einer Assistenz. Resultat war einfach, dass aus der Verliebheit peu à peu eine wunderschöne und erfüllende Liebe entstand. Durch die Situation, dass Merle mit einer 24-h-Assistenz lebt, ist unsere Beziehung insofern eine Besondere, dass „Zeit zu Zweit“ ein kleiner Luxus ist, den wir uns oft freischaufeln müssen. Dieses Problem lösten wir dadurch, dass die Assistenzkräfte durch einen Anbau ein kleines autarkes Zimmerchen als Refugium bekommen haben.

Wir haben versucht, die Behinderung einfach als Teil der Person, aber nicht als Teil der Persönlichkeit zu sehen. Schon der Altbundespräsident von Weizsäcker sagte in der Weihnachtsansprache 1978: „Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann.“ Auch deshalb ist es  einfach entscheidend, dass wir uns als Partner auf Augenhöhe begegnen, einander auf Basis von absolutem Respekt anstelle von Mitleid begegnen und einfach eine tiefe Liebe füreinander hegen, welche sich auch und gerade in Konflikten bewährt. Also könnte man sagen: alles wie „normal“, nur dass halt ein kleiner Anteil Pflege und Buchhaltung für die Assistenzkräfte dabei ist. Der Schweizer Journalist Georg Rimann fasst das ganze absolut treffend zusammen: „Behinderung ruft nicht nach Mitleid, Behinderte brauchen nicht Überbetreuung und schon gar nicht fürsorgliche Bevormundung. Was ihnen Not tut, ist partnerschaftliche Anerkennung als vollwertige Menschen, Motivation zur Selbständigkeit und Hilfe (nur) dort, wo es anders nicht geht.“

Ein Aspekt, der bestimmt für Viele ein Haken ist, stellt die Sozialgesetzgebung dar. Bekanntlich hat man keine großen Reichtümer zu erwarten, wenn man in einer Bedarfsgemeinschaft aufgrund des Arbeitgebermodells der Assistenz lebt. Aber das war einfach unsere bewusste Entscheidung, einfach weil wir wissen, dass Gott für uns sorgen wird.

Die Reaktion unseres gesellschaftlichen Umfelds war nicht nur positiv: Viele zeigten großen Respekt davor, dass wir eine solche Beziehung führen, aber natürlich begegnete uns auch manchmal absolutes Unverständnis. Entscheidend war aber, dass wir wissen: wir haben uns und können uns aufeinander verlassen. Wir haben uns dann in der Folge zum im November 2013 verlobt und die standesamtliche Hochzeit war im Mai 2014, die kirchliche Hochzeit im September 2014. Wir sind auch beide kurz davor, eine Arbeit zu finden und können uns nichts Besseres vorstellen 🙂 Wir würden alles nochmal so machen und möchten Euch Mut machen, trotz aller scheinbaren Hindernisse nicht das Glück aus den Augen zu verlieren!

29. April 2015