Merle und Thomas

Hochzeitsfoto von Merle und Thomas

Merle (Jg. 1987) und Thomas (Jg. 1982)
verheiratet, Bohmte

Zwischen Zweisamkeit und Assistenz

Es gibt Tage, die man wohl nie vergessen wird. Zum Beispiel den Tag, wo wir uns nach einem Monat des täglichen Chattens endlich in Münster trafen. Natürlich hatten wir uns vorher ausführlich beschnuppert und sicher gestellt, dass wir wichtige gemeinsame Werte wie einen aktiv gelebten Glauben und eine mehr als tiefe Sympathie füreinander teilen. Deshalb ging es am 18.05.2013 eigentlich „nur“ noch darum, ob der berühmte Funke überspringen würde und ob  Schmetterlingsscharen in unseren Herzen entstünden. Man muss dazu sagen, wir sind zwei sehr kopflastige Menschen (beide studiert). Und wie Ihr bestimmt schon erraten könnt: Es war Liebe auf den ersten Blick!

Wir waren erst was trinken und Thomas wollte mir, Merle, sofort selber die Cola reichen. Mit einer Selbstverständlichkeit, als ob wir uns schon jahrelang kennen, ging er mir bei Allem zur Hand. Im Münsteraner Hafen kamen wir also an diesem Tag zusammen und das war der der bisher bedeutensde Wendepunkt in unserem Leben. Die etwa 260km zwischen unseren damaligen Wohnorten bei Köln und bei Osnabrück machten unsere Beziehung seitdem zu einer Fernbeziehung, was sowohl Vor- als auch Nachteile hatte. Wir konnten uns in der Regel nur jedes zweite Wochenende sehen, hatten durch tägliche Kommunikation via Facebook jedoch auch die Möglichkeit, viele relevante Dinge aneinander kennen lernen zu dürfen.

An dieser Stelle ist es an der Zeit, uns einmal kurz vorzustellen: Thomas wurde 1982 geboren und wohnte seitdem in einem kleinen Dorf 45km entfernt von Köln. Merle wurde 1987 geboren und wohnte zuerst in Papenburg. Als sie aufgrund einer Encephalitis (Hirnstammentzündung) dauerhaft an den Rollstuhl gebunden wurde, ist eine Wohnortveränderung in die Nähe von Osnabrück erfolgt. Durch die Krankheit ist die gesamte Motorik ausgefallen, weshalb Merle größtenteils über einen Sprachcomputer spricht und so die ganze Kommunikation zumindest in der Anfangszeit ziemlich erschwert wurde.

Wir lernten uns im Sommer 2013 also besser kennen und machten auch einen gemeinsamen Urlaub, natürlich mit einer Assistenz. Resultat war einfach, dass aus der Verliebheit peu à peu eine wunderschöne und erfüllende Liebe entstand. Durch die Situation, dass Merle mit einer 24-h-Assistenz lebt, ist unsere Beziehung insofern eine Besondere, dass „Zeit zu Zweit“ ein kleiner Luxus ist, den wir uns oft freischaufeln müssen. Dieses Problem lösten wir dadurch, dass die Assistenzkräfte durch einen Anbau ein kleines autarkes Zimmerchen als Refugium bekommen haben.

Wir haben versucht, die Behinderung einfach als Teil der Person, aber nicht als Teil der Persönlichkeit zu sehen. Schon der Altbundespräsident von Weizsäcker sagte in der Weihnachtsansprache 1978: „Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann.“ Auch deshalb ist es  einfach entscheidend, dass wir uns als Partner auf Augenhöhe begegnen, einander auf Basis von absolutem Respekt anstelle von Mitleid begegnen und einfach eine tiefe Liebe füreinander hegen, welche sich auch und gerade in Konflikten bewährt. Also könnte man sagen: alles wie „normal“, nur dass halt ein kleiner Anteil Pflege und Buchhaltung für die Assistenzkräfte dabei ist. Der Schweizer Journalist Georg Rimann fasst das ganze absolut treffend zusammen: „Behinderung ruft nicht nach Mitleid, Behinderte brauchen nicht Überbetreuung und schon gar nicht fürsorgliche Bevormundung. Was ihnen Not tut, ist partnerschaftliche Anerkennung als vollwertige Menschen, Motivation zur Selbständigkeit und Hilfe (nur) dort, wo es anders nicht geht.“

Ein Aspekt, der bestimmt für Viele ein Haken ist, stellt die Sozialgesetzgebung dar. Bekanntlich hat man keine großen Reichtümer zu erwarten, wenn man in einer Bedarfsgemeinschaft aufgrund des Arbeitgebermodells der Assistenz lebt. Aber das war einfach unsere bewusste Entscheidung, einfach weil wir wissen, dass Gott für uns sorgen wird.

Die Reaktion unseres gesellschaftlichen Umfelds war nicht nur positiv: Viele zeigten großen Respekt davor, dass wir eine solche Beziehung führen, aber natürlich begegnete uns auch manchmal absolutes Unverständnis. Entscheidend war aber, dass wir wissen: wir haben uns und können uns aufeinander verlassen. Wir haben uns dann in der Folge zum im November 2013 verlobt und die standesamtliche Hochzeit war im Mai 2014, die kirchliche Hochzeit im September 2014. Wir sind auch beide kurz davor, eine Arbeit zu finden und können uns nichts Besseres vorstellen 🙂 Wir würden alles nochmal so machen und möchten Euch Mut machen, trotz aller scheinbaren Hindernisse nicht das Glück aus den Augen zu verlieren!

29. April 2015

Warum nicht Vielfalt statt Toleranz?

 

Vielfalt symbolisiert durch viele bunte Figuren, die in Herzform angeordnet sind

Als ich über unsere Dokumentation hier nach Interviewpartnern für die ARD-Toleranzwoche gefragt wurde, musste ich erst mal tief durchatmen. Stand da wirklich Toleranz in der E-Mail? Meinten die das ernst?

Ich rief die Absenderin der E-Mail an und erntete die volle Ladung Klischees: Man wolle da also jemanden interviewen, der sich in einen Rollstuhlfahrer verliebt hat, also einen Gesunden, und dann rausfinden, ob das alles echt so total schlimm ist wie man sich das vorstellt. Vorher wolle man eine Umfrage auf der Straße machen und die Leute da so fragen, ob die sich das vorstellen könnten, mit einem der im Rollstuhl sitzt. Ob die sich in so jemand verlieben könnten. Und dann halt das Interview mit dem Paar aus unserem Dokumentationsprojekt

Solche Presseanfragen kenne ich leider zur Genüge. Ob nun von Zweisames oder von meiner PR-Tätigkeit im Rollstuhltischtennis. Da wird seitens der Presse ständig an Querschnittlähmung gelitten, an den Rollstuhl gefesselt und sein Leben trotz Behinderung gemeistert. Dagegen konnten bislang weder mein im Zuge der Paralympics 2004 entstandenes Infoblatt noch leidmedien.de nachhaltig etwas ausrichten. Vielmehr müssen sich solche Initiativen dann des Vorwurfs der unnötigen politischen Korrektheit erwehren. Auf der anderen Seite wird aber weiter ein Klischee nach dem anderen bemüht.

Wir sind doch alle Menschen

Solche Presseanfragen machen mich erst wütend, dann traurig. Seit über 10 Jahren veröffentlichen wir unter 2sames.de Kennenlerngeschichten von Paaren, bei denen einer der Partner behindert und einer nicht behindert ist. Seit über 10 Jahren versuchen wir damit zu zeigen, dass solche Beziehungen nicht nur möglich, sondern wie alle anderen Beziehungen auch sind: Menschen lernen sich in ihren Gemeinsamkeiten und in ihrer Verschiedenheit kennen, werden ein Paar. Manche bleiben zusammen, heiraten, bekommen Kinder. Andere trennen sich wieder, weil es doch nicht gepasst hat, oder einer von beiden jemand anderen kennengelernt hat. So wie bei allen anderen Paaren auch.

Diese Dokumentation hat vielen Menschen geholfen und deswegen haben wir sie weiter online stehen lassen, auch wenn wir sie mangels Zeit nicht mehr so aktiv betreiben können wie sie es verdient hätte. Zu viele Menschen berichten uns, wie ihnen die Geschichten dieser Paare Hoffnung geben. Entweder weil sie am Anfang einer ähnlichen Beziehung stehen und wegen der Vorurteile da draußen verunsichert sind, oder weil sie in einer bereits bestehenden Partnerschaft plötzlich mit dem Thema Behinderung konfrontiert werden und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.

Das Feedback kommt also hauptsächlich von Menschen, die unser Thema selbst betrifft. Resonanz oder Medienanfragen außerhalb der Behindertenszene sind seit Beginn der Dokumentation selten. Und wenn, dann ähnlich sensationsgierig und vorurteilsbehaftet wie die zu Anfang genannte.

Warum Toleranz?

In den 10 Jahren seit Gründung von 2sames hat sich für die Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung in der Öffentlichkeit schon einiges verändert, anderes ist leider immer noch genauso. Dazu gehören leider auch die Klischees in den Medien, inklusive solcher Stilblüten wie die Toleranzwoche.

Tolerieren bedeutet Dulden. Menschen mit Behinderung sollen aber nicht geduldet werden, sondern endlich als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft wahrgenommen werden. Wie Rothaarige, wie Schwaben oder Frisöre. Wie Blondinen, Franken oder wie Schornsteinfeger. Hat das bei der ARD wirklich niemand verstanden, bevor diese Aktion an den Start ging? Das Thema ist ja nun nicht gerade neu Oder ist ein Miteinander nur dann hipp, wenn deutsche Paralympioniken gerade Medaillen gewinnen?

Warum hat die ARD diese Aktion überhaupt Toleranzwoche genannt? Die einzelnen Beiträge, die da gesendet werden, sind ja nicht schlecht. Nur der Name der Aktion, der lässt eben zu wünschen übrig Warum wurde nicht stattdessen die Woche der Vielfalt ausgerufen?

Frei nach Bill & Ted:
Bunt ist das Dasein und granatenstark! 😉

 

Titelbild: pixabay

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 18.11.2014 auf keinwiderspruch.de,
einer Projektseite von Johannes Mairhofer

 

Angelika und Jörg

Angelika und Jörg

Angelika (Jg. 1961) und Jörg (Jg. 1963)
zusammen verheiratet, Hamburg

Angelika erzählt:

Da ich mich aus privaten Gründen seit zwei Jahren mit der Thematik Taubblindheit beschäftige und unendlich viele Fragen dazu hatte, wandte ich mich an einen ehemaligen Lehrer des TBZ in Hannover. Er kam zu einem Gespräch nach Hamburg. Anbei erwähnte er Jörg, der 1999 nach einer schweren Meningitis erblindete und ertaubte. Da ihm wohl meine Art und Weise gefiel, schlug er vor, doch zu versuchen, eine Freundschaft zu Jörg aufzubauen.

Jörg lebte schon längere Zeit bei seiner Mutter und aufgrund seiner Situation auch sehr zurückgezogen. Zuwider waren ihm die Menschen geworden, die aus purer Neugierde versuchten, ihn kennen zu lernen. Er hatte bis dahin eben ein völlig ’normales‘ Leben geführt, sprich Haus, Beziehung, einen harten Job und Motorrad fahren aus Leidenschaft.

Jörg und ich begannen miteinander zu mailen. Seine Worte waren sarkastisch, zynisch und auch verletzend. Aber ich verstand ihn und ließ mich nicht verschrecken, war ich doch nicht so viel anders als er. Man könnte sagen wir sind irgendwie aus dem gleichen Holz geschnitzt.

Einige Wochen später bat ich, ihn besuchen zu dürfen. Er willigte zwar zögernd ein, doch auch er war neugierig gewoden. Auf eine Frau, die es verstand ihm die Stirn zu bieten und sich nicht von seiner Art und Weise einschüchtern zu lassen. Ich verliebte mich noch während des Besuchs bei ihm. Dass er taubblind war, registrierte ich überhaupt nicht. Es war nur eine andere Art der Verständigung, eben durch das Lormen.

Es war der vierte Juli. An diesem Tag gestand ich mir die Liebe zu Jörg ein, egal was kommen würde… Es war der zweite Besuch bei ihm. Es fiel mir sichtlich schwer, mich ihm gegenüber kühl und distanziert zu verhalten. Für dieses Treffen hatten wir ein Essen in einem Fischrestaurant ausgemacht.

Auf dem Rückweg braute sich ein schweres Gewitter zusammen. Am Deich angelangt scheiterten wir fast an einer Treppe, die nicht mit einem Geländer versehen war. Da Jörg starke Gleichgewichtsstörungen hat, befand er sich sozusagen in der Schwebe. Stufe für Stufe und mit sehr viel Überwindung erklomm er die Treppe. Aber oben angekommen strahlte er auf einmal und drückte ganz kurz meine Hand: Er hatte die Treppe überwunden und es geschafft.

In dem Moment fing es erbarmungslos an zu regnen und uns blieb nichts anderes übrig als in einer Telefonzelle Unterschlupf zu finden. Wir verharrten regelrecht voreinander und waren uns unserer Nähe bewusst. Ich schaute ihm in die Augen und hatte das Gefühl, er schaut in mich hinein. Als würden sie sagen: Ich würde dich jetzt gerne küssen. Tu es doch, sagte ich leise, obwohl ich wusste, er hört es nicht. Plötzlich lagen wir uns in den Armen und haben uns innigst geküsst. Ab diesem Moment war eigentlich alles ohne Sprache und Blicke klar… wir wussten: wir hatten uns gefunden und wir gehören zusammen…

Da wir beide knallharte Realisten sind, machten wir uns auch nichts vor. Uns war von Anfang an klar, dass es nicht einfach werden wird. Wir verbrachten eine Probewoche Wohnen und Leben in Dänemark. Im Oktober zog er zu mir und meinen beiden Hunden nach Hamburg… Er hat seinen Seelenfrieden wieder gefunden und er ist mein Hafen, in den ich einlaufen konnte. Wie gesagt: So ein Leben ist sicherlich nicht immer einfach, aber alles ist möglich wenn man will und liebt.

24. Mai 2005

Am 4. August 2006 haben Angelika und Jörg geheiratet.

Keine Beziehung mit Assistenz?

von Barbara Kuhlenbeck

barbaraIch heiße Barbara, bin 44 Jahre alt und sitze von Geburt an durch eine Spastik im Rolli. Die Beziehung, die ich bis vor vier Jahren noch hatte, dauerte sieben Jahre.  Wir hatten uns auf einer Flirtline kennengelernt.  Er ist zwei Jahre jünger als ich und hat keine körperliche Einschränkung.
Ich kann aus meiner Erfahrung heraus sagen: Hätte ich vorher gewusst, wie schlecht die Leute darauf reagieren, dass ein Mann eine Frau im Rolli hat, wäre ich die Beziehung nicht eingegangen. Von „Krüppelficker“ bis zu „bei der bekommst du doch nur einen hoch, wenn du Pillen schluckst“ mussten wir uns einiges anhören. All seine sogenannten „Freunde“ haben sich von uns abgewandt. Mit seinem Vater hat er dann auch gebrochen, weil der stumpf zu ihm sagte: „Warum keine normale Frau, warum so einen Krüppel?“. Daran ist die Beziehung zerbrochen.

Was auch im Nachhinein gut war, denn das Sozialamt hat uns so unter Druck gesetzt hat, dass wir sogar eine eidesstattliche Versicherung darauf abgeben mussten, kein Paar  mehr zu sein. Damals lief gerade der Antrag für die Assistenz an. Ich kam mir teilweise echt wie ein Schwerverbrecher vor. Wir wurden auch getrennt voneinander gefragt und meine Eltern mussten es auch bezeugen.

Zum heutigen Zeitpunkt würde ich auch keine Beziehung mehr führen wollen, weil ich Assistenz habe. Da läuft es ja nach dem Motto „kein Geld für die Liebe“. Ich will es keinem Mann zumuten, das er mir bei der Pflege hilft, oder einen Teil von seinem Lohn abgeben muss. Wie soll man so was übers Herz bringen und jemandem, den man liebt mit in die Sch… ziehen. Ich kann das nicht, finde es richtig beschissen, dass sich in der Richtung bei den Ämtern nichts getan hat.

Bald 10 Jahre Zweisames

Im Oktober 2013 wird unsere Dokumentation zehn Jahre alt. Und obwohl wir seit 2007 nicht mehr aktiv an diesem Projekt weitergearbeitet haben, hatten wir in letzter Zeit immer noch 100 bis 200 Besucher täglich! Nachdem sich dann auch noch Raul Krauthausen, der mit Projektgründerin Annette Schwindt auch in Sachen leidmedien.de zusammenarbeitet, bereit erklärt hat, mitzuhelfen, beschlossen wir, dem Projekt neues Leben einzuhauchen.

Dazu bekam die Website ein neues Kleid via WordPress. Die alte – zunächst von mir, dann von Timo handgeschriebene Seite geht damit in Rente:

alte 2sames-Website

Das war die alte 2sames-Website

Zusätzlich zu den Kennenlerngeschichten von Paaren mit einem Menschen mit und einem ohne Behinderung haben wir auf Anregung von Raul eine weitere Rubrik eröffnet: Erzählt uns von Euren Gedanken und Erfahrungen zum Thema Beziehung und Behinderung. Mehr zu den Möglichkeiten, wie Ihr bei 2sames mitmachen könnt, lesen…

Wir freuen uns auch darauf, mit den bereits dokumentierten Paaren wieder in Kontakt zu kommen. Vielleicht habt Ihr Updates zu Euren Geschichten? Und neue Fotos? Ihr erreicht uns nach wie vor unter kontakt@2sames.de

Mein Herzenswunsch

von Janina

Ich wollte immer ein Kind. Schon seit ich ganz klein war hatte ich nur diesen einen übergroßen Herzenswunsch, dieses eine schwer zu erreichende Lebensziel. Als ich mit meinem Mann Marc im Sommer 2002 zusammenkam, wusste er bereits davon, denn wir waren schon vor unserer Beziehung mehr als nur gute Freunde. Auch in den darauf folgenden Jahren haben wir immer mal wieder über dieses Thema gesprochen und waren uns von Anfang an einig darüber, dass wir in unserem Leben unbedingt ein Kind haben möchten. Dass es zu unserem Leben dazugehören sollte.

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Eva und Thomas

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Eva (Jg. 1972) und Thomas (Jg. 1972)
zusammen verheiratet, Duisburg

„Alles fing bei uns mit dem Internet an!“

Thomas war seit 10 Jahren aus dem Tanzsport raus und suchte auf dem Weg einer Kleinanzeige eine Partnerin. Seinerzeit hatte er ausgiebig in Tanzschulen und -clubs das Tanzbein geschwungen.

Diese Anzeige blieb nicht ungelesen: Eva suchte zu diesem Zeitpunkt – ebenfalls nach längerer Pause – einen Tanzpartner. Allerdings nicht für die Art Tanzen, die Thomas vorschwebte; sie tanzt im Rollstuhl.

Kurzerhand antwortete sie – wie bereits viele erfolglose Male zuvor – per Mail, ohne große Hoffnung auf (positive) Antwort. Und das, wo doch diesmal alles stimmen sollte: das Alter, die Größe, Tanzerfahrung, und zudem kann man sich im Club auf halber Strecke treffen: Er aus Viersen, sie aus Duisburg, Krefeld in der Mitte!

Doch diesmal war es anders. Er konnte sich zwar nichts unter dem Thema Rollstuhltanzen vorstellen, wollte es aber beim Probetraining „einfach mal versuchen“.

Dabei blieb es dann nicht: von da an wurde fleißig weiter trainiert, bald stellten sich auch bei ersten Wettbewerben gute Erfolge ein. Ein Traumpaar – Harmonie und Sympathie stimmten, auch die besagte Chemie zwischen beiden… aber leider nur auf der Tanzfläche. Denn außerhalb des Parketts gab es einen, genauer gesagt drei Hinderungsgründe: 1. war er verheiratet und hatte 2. eine Tochter und 3. einen Sohn! Gefühle ihrerseits für diesen toleranten und aufgeschlossenen Menschen waren ja da, aber er war halt für sie tabu.

Und wie kam es dann doch noch zum Happy End?

Die Ehe lief bereits seit Jahren nicht mehr. Die Kinder waren für Thomas allein der Grund dafür, weiter an der Ehe festzuhalten. Ein Jahr musste ins Land gehen, bis sich Eva und Thomas offen eingestehen, dass sie füreinander Gefühle haben:

Ein Tanzauftritt wie er chaotischer nicht hätte sein können. In einer mit Stufen besetzten, engen Konzertmuschel machten die beiden das Beste aus der Situation. Danach blieben sie noch eine Weile dort. Aus dem verschämten Händchenhalten entwickelte sich später im Auto der erste Kuss – und es kam wie es kommen musste: die beiden wurden ein Paar.

Darauf folgten gemeinsame Urlaubstage und Wochenenden und erste Pläne für die Zukunft. Die Behinderung spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Der Umgang miteinander und die Planungen wurden sicherlich dadurch beeinflusst, aber schnell wurden sie mit den kleinen – und großen Tücken des Alltags fertig. Schon aufgrund der gemeinsamen Erfahrungen beim Tanzen.

Zuvor jedoch hatte er sich von seiner Frau getrennt. Die Besuche der Kinder verlaufen sehr harmonisch, auch die Unternehmungen zu viert sind – auch mit dem Rollstuhl – kein Problem. Mit der Zeit werden sicher auch die restlichen Schwierigkeiten dieser nicht einfachen Situation behoben sein.

22. Dezember 2006

Nachtrag: Eva und Thomas haben am 13.06.2009 geheiratet! 🙂

Hilde und Hermann

hildeundhermann

Hilde (Jg. 1960) und Hermann (Jg. 1955)
verheiratet, Saarbrücken

Hilde erzählt:

Ich war gerade 26 und hatte eine sehr lange Beziehung hinter mir, die zu Ende war. Mein Lebensentwurf war futsch. Ich hatte mir für das neue Jahr alles mögliche Spannende, Neue, vorgenommen (Segeln lernen, Theater spielen, Rhetorikkurse u.ä.).

Da bekam ich Besuch vom Sohn einer Freundin meiner Schwester, die 700 km weg wohnt. Er hatte in unserer Stadt eine Lehrstelle bekommen und wohnte so lange bei mir, bis er eine Wohnung gefunden hatte. Es war Juni und in einem Stadtteil unserer Stadt war traditionelles Altstadtfest. Ich wollte ihm unsere Stadt zeigen und ging mit ihm dorthin. Alleine wäre ich nicht gegangen. An einem Bierstand stand Hermann und wir begrüßten uns als alte Schulkameraden, denn….

… Hermann war früher als Rollstuhlfahrer in meine reine Mädchenklasse gekommen, weil die alte Schule nicht rollstuhlgerecht war. So hat er mit mir den Abschluss gemacht. Danach sah man sich auf Klassentreffen oder mal zufällig in der Stadt, wie man halt Klassenkameraden trifft. Mehr war da nie. Für unsere Schule war das damals eine Sensation und alle Lehrer sehr besorgt. Wir sahen das praktischer – er hatte schon eine Auto und wohnte nicht mehr zu Hause und kam anscheinend ganz gut klar. Als er mal im Krankenhaus war, schickten wir ihm einen Brief (den hat er heute noch). Ich erinnere mich, dass wir beide diejenigen waren, die am heftigsten mit dem Sozialkundelehrer diskutierten, wie wir uns beide für soziale Themen interessierten. Natürlich hat es mich beeindruckt, wie jemand mit diesem Schicksal klar kommt. Doch er war fünf Jahre älter als ich und das waren für mich mit 15/16 fremde Welten. Er hatte damals eine behinderte Freundin.

Ich unterhielt mich 45 Minuten mit Hermann und vergaß darüber fast meinen Gast. Er erzählte, dass auch er gerade eine lange Beziehung hinter sich hat und in Kürze seine erste Stelle antreten wird. Er lud mich zum Kaffee zu sich ein, aber unser Treffen musste warten, bis meine o.g. Aktivitäten beendet waren, weil ich mich entsprechend zu Kursen angemeldet hatte. Ich stellte seine Geduld ganz schön auf die Probe. An diesem ersten Treffen buk er spontan den ersten Kuchen seines Lebens, was mich sehr beeindruckte, denn Männer, die backen, kannte ich noch keine.

Dann ging es eigentlich schnell. Ein von meiner Schwester gedrehter Film kam am 14. August im Fernsehen und ich wollte den natürlich sehen. Doch ich wohnte im Altbau im ersten Stock ohne Aufzug. Also musste ich diesen bei ihm sehen – und blieb. Im Januar zog ich bei ihm ein, obwohl die Wohnung nur halb so groß war wie meine. Nach zwei Jahren des Kennens heirateten wir, während er arbeitslos war. Ich bin noch immer glücklich…

Hermann erzählt:

Nach dem Ende einer dreijährigen Beziehung, war ich in der Nähe meines Wohnortes auf einem Altstadtfest. Ich stand an einem Bierstand und hatte mich auf einen gemütlichen Nachmittag und Abend eingestellt, als plötzlich Hilde erschien. Spontan umarmte ich sie und begrüßte sie herzlich (sie war mir in den letzten Jahren schon bei Klassentreffen angenehm aufgefallen; da sie aber meines Erachtens in einer festen Beziehung stand, hatte ich keine Ambitionen bei ihr). Nach einer ausgiebigen Unterredung, bei der ich feststellte, dass sie zwischenzeitlich alleine lebte, lud ich sie zum Kaffee und Kuchen zu mir ein. Allerdings rechnete ich nicht, dass sie dazu auf Grund ihrer vielseitigen Interessen erst sechs Wochen später Zeit hatte. Ich fieberte dem Termin entgegen und konnte schon fast nicht mehr daran glauben, dass sie wirklich kam.

Tja, dann kam der Termin und es ging alles ziemlich schnell. Wir sind seit dieser Zeit ein Paar und zwei Jahre später haben wir geheiratet. Seit dieser Zeit lebe ich glücklich mit Hilde zusammen.

22. Februar 2006

Dagmar und Wilfried

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Dagmar (Jg. 1954) und Wilfried (Jg.1960)
verheiratet, Bonn

Dagmar erzählt:
Das Telefon in Oberursel klingelt am 6. Februar 2004 um 22.30 Uhr und eine liebe Stimme sagt: „Guten Abend, hier ist der Wilfried aus Bonn…“ Wir machten die Nacht zum Tag, erzählten, stellten uns vor, lachten und trennten uns glücklich und zufrieden nach sage und schreibe 11 Stunden. Inzwischen sind wir verheiratet und haben dafür den 05.05.05 gewählt.

So lernten wir uns also kennen. Den Kontakt stellte ein guter Freund her, der uns beide kannte. Den Freund lernte ich 2003 in der Reha kennen. Er erzählte mir kurz von Wilfried, aber ich wollte nach dem Tod meines Mannes nur meine Ruhe haben. Umgekehrt sah es genauso aus. Wilfried ging es nicht besonders, war in der Tablettenumstellung, ständig nur müde und der Meinung, wer will schon einen behinderten Menschen.

Der Freund sagte aber immer wieder: „Wilfried, diese Frau, glaub mir, würde Dich verstehen. Ruf sie doch endlich mal an!“ Es waren inzwischen sechs Monate vergangen. Wilfried nahm seinen ganzen Mut zusammen und rief mich an besagtem Abend an. Noch während des Gesprächs verliebten wir uns ineinander und Wilfrieds Behinderung interessierte mich überhaupt nicht.

Zwei Tage später lernten wir uns kennen und es machte noch einmal „Peng!“. Wilfried ist mein Traummann – mit oder ohne Behinderung.

Eine Woche später verlobten wir uns in der Schweiz. Auf dem höchsten Berg machte er mir einen Antrag.

Dann lernten wir die Kinder des anderen kennen: Wilfrieds Sohn André, er lebt bei seinem Vater, also jetzt bei uns, meine Tochter Susanne, Schwiegersohn Steven und Enkelin Sarah sowie zum Schluss Madeleine, sie lebt bei der Mutter. Unsere Kinder sind 25, 18 und 10 Jahre alt. Sarah wird drei Jahre alt. Wir verstehen uns alle prima und Klein-Sarah fährt so gern mit Opa Rollstuhl.

Mein Mann Wilfried hatte vor fünf Jahren einen Arbeitsunfall. Nicht nur das, gleichzeitig ging seine Ehe nach 20 Jahren auseinander. Für Wilfried, der immer mit beiden Beinen im Leben stand, brach nicht nur eine Welt zusammen.

Seit wir uns kennen, hat Wilfried große Fortschritte gemacht. Wir sind 24 Stunden zusammen und genießen unser Leben soweit es geht. Wenn man einen Menschen liebt, kann man auch mit seiner Behinderung umgehen.

8. Januar 2006

Anja und Tobias

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Anja (Jg. 1968) und Tobias (Jg. 1969)
Sarstedt, verheiratet

Anja erzählt:

Eigentlich könnte man sagen, dass unsere Geschichte schon vor elf Jahren begann…

Ich war gerade frisch geschieden und hatte für meinen kleinen Sohn ein Hochbett gekauft. Meine Tante, die uns bald darauf besuchte, erzählte mir von einem jungen Mann aus Aachen, der im Schlaf aus einem Hochbett gestürzt war und sich den „Hals“ gebrochen hatte. Diese tragische Geschichte veranlasste mich, meinen Sohn nicht in diesem Hochbett schlafen zu lassen. Doch da ahnte ich nicht, dass ich sieben Jahre später genau diesen Mann kennen lernen und heiraten würde. Denn ich wollte eigentlich nie wieder heiraten, nach dem was ich erlebt hatte…

Als ich im Family-Text von Super RTL für meinen Sohn nach einem Brieffreund suchte, stieß ich auf eine Anzeige mit folgendem Wortlaut: „Rollifahrer Anfang 30 sucht Brieffreundin oder vielleicht auch mehr…“ Ich schrieb ihm mit dem festen Vorsatz, daraus nicht mehr werden zu lassen als eine Brieffreundschaft, worauf ich ihn auch schon in meinem ersten Brief hinwies… Doch Toby hatte eben seine eigenen Pläne und dachte offensichtlich nicht daran, sich so leicht entmutigen zu lassen! Wie ich später erfuhr, war ich die einzige, die auf seine Anzeige geantwortet hatte. Toby hatte schon immer den Wunsch, einmal zu heiraten und eine Familie zu haben. Weder seine Freunde noch seine Familie hielten das für realistisch, weil sie aufgrund seiner Behinderung keine Chance dafür sahen. Doch er war sich sicher, dass es irgendwo da draußen die richtige Frau für ihn gab und er sollte recht behalten.

Wir schrieben uns täglich lange E-Mails und telefonierten miteinander. Schon von Anfang unseres Kontaktes verband uns eine besondere Zuneigung und das Gefühl, uns schon ewig zu kennen. Es war und ist einfach etwas ganz besoderes!!! Toby beindruckte mich durch seine fröhliche und lebensbejahende Art und damit, wie er mit seiner Behinderung umging. Als wir uns dann endlich persönlich gegenüberstanden, war es dann um uns geschehen. Auch mein Sohn Florian, der inzwischen 11Jahre alt war, schloss Toby fest in sein Herz und wünschte ihn sich als Papa. Was sollte uns also noch daran hindern, zusammen glücklich zu werden?

Doch im Freundes- und Verwandtenkreis gab es Skepsis von beiden Seiten. Bei mir hieß es, ich hätte doch auch bessere Chancen… und bei Toby, was er als Behinderter denn mit einer Frau wolle und dass keine Frau sich freiwillig einen Pflegefall aufhalsen würde… Na ja, so die üblichen Ansichten! Toby ist Tetraplegiker, aber nicht bettlägerig sondern aktiv und voller Energie und Lebensmut. Natürlich ist er in vielerlei Hinsicht auf Hilfe angewiesen, worauf ich mich aber gut einstellen konnte. Wir sind mittlerweile ein fest eingespieltes Team, wo sich jeder bedingungslos auf den anderen verlassen kann. Unsere Liebe ist so stark und unser gemeinsamer fester Glauben an Gott hilft uns, mit den alltäglichen Unwägbarkeiten gut fertig zu werden.

Inzwischen sind wir seit April 2002 standesamtlich und seit Juli 2002 kirchlich getraut. Wir sind eine sehr glückliche und harmonische Familie! Der Antrag auf Adoption von Florian durch Toby ist eingereicht und eine positve Entscheidung würde unser Glück noch vergrößern.

15. Oktober 2005

Nachtrag: Seit 25. Oktober 2005 ist die Adoption von Florian durch Tobias rechtsgültig.

Simone und Silvio

simoneundsilvio

Simone (Jg. 1968) und Silvio (Jg. 1963)
verheiratet, Ebersbach

Simone: Wir haben uns im Januar 1990 in der Disco kennen gelernt. Silvio machte an dem Abend für einen Kumpel den Fahrer. Weil er mir eine Platte von Herbert Grönemeyer borgen wollte, fragte er mich nach meiner Adresse und ich hab sie ihm gegeben. Montags darauf stand er plötzlich vor meiner Tür.

Silvio: Es hat ein bisschen gedauert bis wir unsere Liebe entdeckt haben. Am Anfang haben wir uns nur so getroffen, ich bin öfter zu ihr gefahren, wir waren Billard spielen und sind auch zu Freunden gefahren. 1994 dann auch in den Skiurlaub.

Simone: Ich war viel eher verliebt als er. Bei unserer ersten Begegnung fand ich ihn schon toll, mit dem Bart und weil er nicht so groß ist. Ich kam damals von einer Freizeit heim und fand Rosen und einen Brief zuhause vor. Am nächsten Morgen kam Silvio mich wecken. Damals hab ich noch bei meinen Eltern gewohnt. Von da an haben wir Nägel mit Köpfen gemacht.

Silvio: Bis zum Januar 1994 hatten wir eine Wochenend-Beziehung, wir pendelten zwischen unseren Wohnungen hin und her.

Simone: Noch in dem Jahr meinte ich schon zu ihm: Wir könnten eigentlich heiraten. Aber er meinte: „Nö“.

Silvio: Ich hab gesagt, wenn wir heiraten, dann im Jahr 2000.

Simone: 1997 sind wir dann zusammen in die Wohnung meiner Eltern gezogen. Meine Eltern sind woanders hingezogen. Wir sind uns nie auf den Keks gegangen, selbst als Silvio zwischendurch mal arbeitslos war. Zu Weihnachten 1999 hab ich ihn dann noch mal an die Heirat im Jahr 2000 erinnert.

Silvio: Da hab ich dann Ja gesagt. Wir haben am 21. Juli 2000 geheiratet.

Simone: Auf unserer Hochzeitstorte thronte ein Barbie-Hochzeitspaar. Es gibt doch eine Barbie im Rolli. Die gab es damals aber in Deutschland nicht. Aber ich habe bei Matel angerufen und die haben mir die Adresse von einer Frau gegeben, die sie hatte. Die hatte sie eigentlich jemand anderem versprochen, aber da die sich nicht mehr gemeldet haben, haben wir sie bekommen.

Silvio: Meine Eltern brauchten ein wenig, um sich an Simone zu gewöhnen. Aber inzwischen ist alles klar. Nur bei der Verlobung hieß es: „Denk mal an später“. Ich hatte am Anfang schon Angst, was falsch zu machen, aber da bin ich mit der Zeit reingewachsen.

Simone: Bei mir gab’s keine Probleme. Silvio ist ja eher der vorwitzige Typ, das kam (fast immer) gut an.

17. August 2004

Janina und Marc

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Janina (Jg. 1981) und Marc (Jg. 1981)
zusammen verheiratet, Bochum/Lünen

Janina erzählt:

Meinen 18. Geburtstag feierte ich im Januar 2000 gemeinsam mit meinem Ex-Freund und an jenem Abend begegnete mir Marc zum ersten Mal. Ich nahm ihn damals lediglich als einen introvertierten, jedoch gutmütigen und etwas unsicheren Menschen wahr, der mich im Prinzip nicht großartig interessierte.

Dies änderte sich ein gutes Jahr später, als ich Marc durch meinen Ex-Freund besser kennen lernte und wir zu dritt sehr oft etwas unternahmen. Wir gingen beispielsweise ins Kino, in die Stadt oder machten bei mir zu Hause gemütliche Video-Abende. In dieser Zeit spürte ich zum ersten Mal, dass ich mehr als reine Freundschaft für Marc empfand, doch ordnen konnte ich meine damaligen Gefühle noch nicht.

Im Sommer 2001 fuhren wir sogar zu dritt in den Urlaub und während unserer gemeinsamen Zeit in Holland spürte ich von Tag zu Tag deutlicher, dass Marc mir unheimlich viel bedeutete und auch von seiner Seite aus kamen immer öfter Komplimente und liebenswürdige Sätze, wie sie unter reinen Freunden nicht vorkommen.

Nach unserem Urlaub ging Marc mir einfach nicht mehr aus dem Kopf und wir begannen des Öfteren miteinander zu telefonieren und uns fast täglich E-Mails zu schreiben. Meinem damaligen Freund habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht davon erzählt und so kam es, dass der 11. September 2001 nicht nur für die USA zu einem bedeutungsvollen Tag wurde. An jenem Tag haben Marc und ich uns unsere tiefen Gefühle füreinander gestanden und in den darauf folgenden Wochen lebten wir unsere Verbundenheit fürs Erste in den unendlichen Weiten des Internets aus.

Unsere ausweglose Situation eskalierte, als ich meinem Ex-Freund von unseren wahren Gefühlen füreinander erzählte. Heute, nach über zweieinhalb Jahren, kann ich zum ersten Mal vollkommen verstehen, dass wir damals nicht richtig gehandelt haben und nachvollziehen, wie sehr wir drei unter dieser Situation im Grunde gelitten haben. Ich habe mir oft gewünscht mit Marc zusammen zu sein, doch endgültig verlassen wollte ich meinen damaligen Freund nicht, weil ich ihn trotz allem immer noch liebte.

Da Marc und mein Ex-Freund in dieser Zeit obendrein noch in einem Betrieb gearbeitet haben, konnten sie sich folglich nicht so einfach aus dem Weg gehen und so kam es, dass Marc und ich eines Tages damit begannen, ein heimliches Doppelleben zu führen. Wir trafen uns ab Frühjahr 2002, nachdem wir uns ein Vierteljahr aus Angst vor meinem Ex-Freund überhaupt nicht mehr gesehen hatten, alle zwei Wochen, um miteinander zu reden oder ins Kino zu gehen. Mehr lief zwischen uns jedoch nicht, da wir beide nicht wussten, wie wir mit der Gesamtsituation eigentlich umgehen sollten. Erst nachdem mein Ex-Freund und ich einige Wochen später aus verschiedenen Gründen eine Beziehungspause einlegten, wurde Marc erneut zu einem unheimlich wichtigen – dieses Mal für jeden Menschen sichtbaren – Mann in meinem Leben.

An dieser Stelle möchte ich kurz erwähnen, dass das Ende meiner früheren Beziehung, das unweigerlich im Sommer 2002 nach fast sieben Jahren eintrat, viele schwer zu erklärende Ursachen hatte, doch eine von ihnen war ohne jegliche Zweifel die Geschichte mit Marc. Es gibt nun einmal Wunden im Leben, die auch die Zeit nicht zu heilen vermag.

Am 1. Juli 2002, ungefähr eine Woche nachdem mein Ex-Freund und ich uns getrennt hatten, kam ich mit Hilfe meines besten Freundes endlich mit Marc zusammen. Mein bester Freund unterstützte mich in jener Zeit durch viele aufmunternde Worte und positive Gedanken und ohne ihn hätte ich mich so manches Mal selbst aufgegeben. Marcs und meine Anfangszeit war jedoch geplagt von undurchsichtigen Zweifeln, nicht verarbeiteten Gefühlen und innerem Misstrauen.

In wenigen Monaten sind wir bereits zwei offizielle Jahre zusammen und doch wird unsere außergewöhnliche Beziehung jeden Tag von so einigen Höhen und Tiefen geprägt. Zu meinem Ex-Freund habe ich immer noch Kontakt und auch er hat seit fast zwei Jahren erneut eine Freundin.

Marcs und meine Geschichte beinhaltet zu viele Emotionen, Erlebnisse und Erfahrungen, als dass ich sie an dieser Stelle hätte aufzählen können. Ich habe mittlerweile aus vielen früheren Fehlern gelernt und werde jeden Tag aufs Neue von unserem Leitspruch der allerersten Stunde begleitet: ‚Come what may‘ – wir beide sind heute im Großen und Ganzen stark genug, um sowohl den positiven als auch den negativen Seiten des Lebens entgegenzutreten.

Auch heute noch haben wir oft schwer mit unserer komplizierten Vergangenheit zu kämpfen und fühlen uns so manch einem Problem noch immer nicht gewachsen. Wir haben unendlich viel für unsere Liebe riskiert und dabei oft viele missbilligende Worte einstecken müssen, doch unsere Vergangenheit hat uns auf eine Art und Weise zusammengeschweißt, die uns ohne jegliche Zweifel für immer aneinander binden wird.

30. Juni 2004

Nachtrag Juli 2012: Janina und Marc haben 2011 eine Tochter bekommen und sind inzwischen auch verheiratet.