Das Projekt

Eine Beziehung mit einem behinderten Partner funktioniert nicht anders als mit einem  nichtbehinderten Partner. Doch aus Unwissenheit können sich viele so etwas nicht vorstellen.

Pfarrer zeigt auf Bräutigam im Rollstuhl und sagt zur nichtbehinderten Braut: Und er will er auch?

Das Thema Liebe und Behinderung ist noch immer für viele Menschen ein Tabu. Oft gibt es Vorurteile, dass Beziehungen zwischen einem nichtbehinderten und einem behinderten Menschen keine „richtigen“ Beziehungen wären. Dass es da nur um ein Pflegeverhältnis ginge oder um Mitleid.

Das Projekt „Zweisames“ (oder kurz „2sames“) möchte zeigen, dass dies nicht der Fall ist. Hier werden die Entstehungsgeschichten von echten Paaren portraitiert. Auf diese Weise versucht 2sames dazu beizutragen, Schwellenängste gegenüber dem Thema Liebe und Behinderung abzubauen.

Wie 2sames entstanden ist

Annette Schwindt und Thomas Reis aus Bonn wollten Ende 2003 „nur mal sehen, wie viele andere ‚gemischte‘ Paare es noch gibt“. Zusammen mit Anne und Kai aus Freiburg gründeten sie daher 2sames. Bis 2007 wurden hier Paar-Geschichten gesammelt,  dann wurde das Projekt wegen Zeitmangel stillgelegt, blieb aber weiter online.

2013 – zum 10.Geburtstag von 2sames – wird das Projekt nun im neuen Gewand wiederbelebt. Neu mit dabei: Raúl Krauthausen:

„Wenn man die Paar-Geschichten liest, wird klar, dass die anfänglichen Probleme, die im eigenen Kopf als Gründe gegen eine Beziehung mit einem/einer behinderten Partnerin rumspuken, gar nicht die wirklichen Herausforderungen einer Beziehung sind.
Im Gegenteil: Es sind die ganz normalen Herausforderungen wie Vertrauen, Achtsamkeit, Respekt und Spaß am Zusammensein, die die Qualität einer Beziehung ausmachen. 2sames.de will das zeigen. Deswegen bin ich dabei.“

Jeder Mensch hat das Recht, geliebt zu werden

„Wir werden immer wieder gefragt, warum bei den Geschichten nicht explizit dabei steht, wer welche Behinderung hat“, berichten Annette und Thomas. Manche Paare nennen die Behinderung des Partners in ihrer Geschichte, manche zeigen sie auf ihrem Foto. Aber wer nicht will, muss nicht.

„Es geht ja nicht um die Behinderung im Speziellen, sondern um die Liebe zwischen zwei Menschen“, erklären die beiden Initiatoren. Wie jeder einzelne mit behinderungsspezifischen Problemen umgeht, ist dabei nicht relevant für die Dokumentation der Geschichten. „Wir sind ja keine Selbsthilfegruppe. Wir wollen zeigen, dass es solche Beziehungen gibt. Wie sie funktionieren, dafür gibt es kein Patentrezept.“ Gezeigt werden soll: Jeder Mensch hat das Recht geliebt zu werden, egal ob er eine Behinderung hat oder nicht.

Welche Behinderung das dann ist, steht auf einem anderen Blatt. Dennoch behaupten manche, dass es je nach Art der Behinderung für die einen leichter sei, eine Beziehung zu finden, als für andere. Demnach sei es angeblich für einen halbwegs mobilen Querschnittgelähmten leichter, eine Frau zu finden, als etwa für einen voll pflegebedürftigen Muskelkranken oder Spastiker. Auch wenn „2sames“ dokumentiert, dass es nicht unbedingt auf den Grad der körperlichen Einschränkung ankommt, sondern darauf, wie beide Partner mit sich und miteinander umgehen. Auch für die viel zitierte Statistik, behinderte Frauen seien generell benachteiligt, finden sich bei „2sames“ Gegenbeispiele.

Sich selbst akzeptieren

„Jemand der sich selbst als abstoßend empfindet und immer nur negativ drauf ist, wird nun mal nicht als attraktiv empfunden. Das gilt aber sowohl für Menschen mit als auch ohne Behinderung“, argumentiert Thomas.

Wie er haben viele Teilnehmer von „2sames“ die Erfahrung gemacht, dass durch Offenheit und Selbstbewusstsein viele Berührungsängste gar nicht erst aufkommen. Mit Selbstbewusstsein ist dabei jedoch nicht trotziges Einfordern von Respekt gemeint.

Es geht vielmehr darum, sich selbst mit seinen Grenzen anzunehmen, dem Leben aktiv zu begegnen und auch mal über sich lachen zu können.

Nun haben viele Menschen mit Behinderung nie etwas anderes als Mitleid und Sorge erlebt und somit nie gelernt, anders mit ihren Einschränkungen umzugehen. „Wir können und wollen keine Lebensberatung geben“, betont Annette. „Dennoch bekommen wir immer wieder Mails, in denen von Einsamkeit und Resignation die Rede ist.“

Handeln muss letztendlich jeder selbst. „2sames“ kann keine „Anleitung zum Glücklichsein“ liefern. „Alles, was wir wollen, ist festzuhalten, dass es solche Beziehungen wie unsere gibt. Damit ermöglichen wir anderen, die sonst vielleicht keinen Zugang zu diesem Thema hätten, sich damit auseinanderzusetzen und im Idealfall Berührungsängste abzubauen.“ Seines Glückes Schmied kann aber am Ende jeder nur selbst sein.

Mitmachen

Ab sofort können nicht mehr nur Paare ihre Kennenlerngeschichte beitragen. Jeder kann seine Erfahrungen rund ums Thema Beziehung und Behinderung mit uns teilen. Mehr dazu unter Mitmachen.

 

 Cartoon: © Kai Malte Fischer

One thought on “Das Projekt

  1. Moin Moin,
    ich bin durch Krankheit stark geh“behindert“ und mittlerweile auf den Rolli angewiesen. Das zog sich aber über 40 Jahre hin. Ca. genau so lange bin ich verheiratet und wir haben 4 Kinder.
    Nun ist es bei uns also so, das dieses Zusammenleben von „behindert“ und NICHT „behindert“ langsam gewachsen, trotzdem war und ist es manchmal ziemlich schwer. Ich finde Euer Engagement ist sehr wichtig und es ist gut dass es Euch gibt, denn der Liebe ist es eigentlich egal WAS das jetzt für Menschen sind die zusammenkommen wollen, sie müssen sich „NUR“ erst einmal kennen lernen! Macht weiter so.

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